5 Jahre sind inzwischen vergangen, in denen ich in der Freifunk Initiative, genauer der Community Rhein-Neckar, aktiv bin. Ich gehöre dort zu den aktivsten Mitgliedern, habe die Community mit aufgebaut. Die Beobachtungen, auf die ich mich in Teilen beziehen werde, sind daher natürlich von meinen dort gesammelten Eindrücken gefärbt, lassen sich meiner Meinung nach aber auch häufig übertragen.

Freifunk und worum es dabei geht, das ist ein schwieriges Thema. Viele Menschen haben unterschiedliche Sichtweisen, Ideen und Wünsche für das Projekt. Das unter einen Hut zu bringen und dabei “das Richtige” zu tun ist nicht einfach und vermutlich auch nicht immer möglich.

Aber zuerst ein bisschen Kontext: Einen ihrer größten Sprünge in der öffentlichen Wahrnehmung, aber auch in der Beteiligung, hat die Initiative etwa 2015 gemacht. Damals standen wir als Initiative vor der Herausforderung sehr schnell viele Geflüchtetenunterkünfte mit einem Internetzugang zu versorgen, um dort eine grundsätzliche Möglichkeit zur Kommunikation zu schaffen, die sonst vermutlich bis heute nicht existieren würde. In meinen Augen ein schönes Beispiel dafür, was eine solche Initiative leisten kann, auch wenn damals sehr viel nicht optimal gelaufen ist.

Gleichzeitig hat die Arbeit in der Geflüchtetenhilfe dazu geführt, dass verschiedenste Menschen von Freifunk gehört und dann einen kleinen Knoten, so werden die Freifunk Zugangspunkte genannt, zu Hause aufgestellt haben. Leider hat die hohe Aktivität dieser Zeit nicht dauerhaft angehalten, sodass sich die Zahl der Beteiligten inzwischen wieder deutlich reduziert hat. Es ist uns offenbar nicht gelungen, die Menschen auch langfristig zum Bleiben zu gewinnen oder neue Beteiligte zu begeistern.

Die Frage, die wir uns daher vielleicht stellen sollten, ist die nach dem Grund, der dazu geführt hat und welche allgemeinen Schwächen oder Probleme die Initiative an sich hat?

Ein wichtiger Faktor für die Initiative ist ihre Außenwirkung, also wie sie zum Beispiel von Menschen mit denen wir kooperieren möchten, oder auch von Unbeteiligten, wahrgenommen wird. Vor der Geflüchtetenarbeit war es absolut normal, dass fast nie jemand zuvor von Freifunk gehört hatte. Das ist selbstredend eine schwierige Basis für ein Gespräch. Auch heute ist es häufig noch so, wenn wir mit anderen Menschen über die Initiative reden. Alle, die schon mal in dieser oder einer ähnlichen Situation waren wissen, es ist nicht ganz einfach damit umzugehen und häufig bleibt leider nicht das hängen, was wir uns wünschen würden. Das ist normal, aber dazu später mehr.

Während der Geflüchtetenarbeit haben wir bei den anderen Helfenden, Gemeinden, etc. häufig ein Bild von Technikern, die etwas installieren oder reparieren und dann wieder verschwinden hinterlassen. Wir waren Problemlöser oder manchmal auch selber das Problem. Vor Ort waren dann meistens nur die Security oder ein paar etwas überforderte ehrenamtliche Helfer anwesend. Kaum eine Chance in so einer Situation zu kommunizieren, was genau unsere Ziele sind und dass jeder Teil dieser Arbeit werden kann. Dazu kommt, dass die meisten Menschen mit denen wir bei dieser Arbeit zu tun hatten selbst schon vollkommen überlastet waren. Schwierig also.

Entscheiden ist, welcher Eindruck dabei geblieben ist. Es ist der Eindruck, dass wir Internet Zugänge bauen und ermöglichen und das auf den ersten Blick kostenfrei. Leider ein Eindruck, der häufig zu falschen Annahmen führt und uns eher in die Ecke eines Dienstleisters bewegt hat, der wir eigentlich nicht sein möchten und auch nicht sein können. Die Bedeutung und Hintergründe unserer Arbeit in der Initiative, wie zum Beispiel Infrastruktur in eigener Hand zu schaffen, Wissen weiterzugeben, oder Menschen zusammenzubringen, ist damit untergegangen und vielfach auch schlicht nicht wichtig genug gewesen.

Als Folge dieser Entwicklungen hat sich jedoch auch einiges geändert. Das Netz war plötzlich kein einfaches Experiment technikbegeisterter Menschen mehr, mit dem man bedenkenlos spielen konnte. Plötzlich waren tausende Menschen in ihrer täglichen Kommunikation davon abhängig, dass unser Netz funktioniert. Damit hat sich, zumindest gefühlt, auch der Anspruch an dieses gewandelt und das alles mit Technik, die vielfach nicht dafür geeignet war und ist.

Diese und ähnliche Entwicklungen und die daraus entstehenden Probleme haben dann zusätzlich dafür gesorgt, dass sich Strömungen mit sehr unterschiedlichen Ansichten und zum Teil großem destruktiven Potenzial innerhalb der Initiative entwickelt haben. Auch durch die unterschiedlichen Meinungen und Hintergründe der Menschen, die in dieser Zeit zur Initiative dazu gestoßen sind.

Ein weiteres Problem ist auf unseren Treffen zu sehen. Die Gesichter sind immer wieder die gleichen, die Themen wiederholen sich und wenn mal ein neues Gesicht dabei ist, bleibt es leider bei einem einmaligen Besuch. Es geht meist um allgemeine Frage, Probleme und den Stand der Dinge. Aktivität und die Planung solcher sieht anders aus.

Auch an der Diversität mangelt es enorm. Wenn ich mich bei einem beliebigen unserer Treffen umschaue, sehe ich nur weiße Männer aus einem meist technischen Umfeld. Ich bin, zum Beispiel, die einzige Frau bei uns und auch in anderen Communities sieht es leider nicht viel besser aus. Das sorgt bei vielen Aspekten für eine viel zu kleine und eingeschränkte Wahrnehmung. Neue Ideen werden verhindert. Sozial vernetzt wird so niemand.

Das Problem liegt in der Struktur und es ist nicht leicht diese zu durchbrechen. Auch ich habe da meine Probleme, befinde ich mich doch meist genau in diesem männlich und technisch geprägten Umfeld, ohne die dringend notwendige Vielfalt die für Bewegung und Veränderung so wichtig ist. Aus dieser Perspektive versuche wir nun jedoch Menschen für unsere Ideen zu begeistern. Wir gehen davon aus, dass wir diese genau so begeistern können, wie wir uns begeistern können. Das ist allerdings eine sehr eingeschränkte und selbst zentrierte Sichtweise, da sich Interessen, Lebensrealitäten, Prioritäten und vieles mehr der Menschen viel viel mehr unterscheiden. Ob es da eine Lösung für Freifunk gibt ist offen, es ist ein Thema, das diesem Umfeld sehr eigen ist.

Erkennbar ist, dass unser aktueller Ansatz, über ein Interesse an der Technik zu gehen, nicht funktioniert. Ob er überhaupt funktionieren könnte, ist eher fraglich. Die Technik ist für viele Menschen ein abstraktes Thema, wie andere Themen für uns. Selbst wenn ein grundlegendes Interesse an den Ideen und Zielen besteht, ist es noch ein weiter Weg zur Begeisterung die notwendig wäre, um Zeit in die Initiative zu investieren. Selbst der soziale Faktor unserer Arbeit ist vermutlich nicht ausreichend, es gibt einfach zu viele andere Faktoren im Leben der meisten Menschen die eine höhere Priorität haben und das ist auch absolut verständlich.

Seit je her fordern wir in unserer Community, dass die Menschen die an der Initiative teilhaben möchten ihre Geräte selber flashen. Die Idee war, unter anderem, so das ‘Selbermachen’ zu betonen. Betrachten wir diese Forderung aber einmal aus deren Perspektive, können wir feststellen, welch enorme und abschreckende Forderung wir hier eigentlich stellen. Wir gehen einfach davon aus, dass jeder das können muss, schon recht mit unserer Anleitung. Es mag zwar sein, dass es damit einfacher ist, allerdings ist es unsere Perspektive und jede Annahme über Andere an dieser Stelle ist schlicht unpassend oder arrogant.

Letztlich hilft diese Forderung der Initiative in keinster Weise, viel mehr verschrecken wir Menschen, die sich bei einem für sie positiven Erlebnis vielleicht an anderer Stelle positiv und bereichernd in die Initiative eingebracht hätten oder denen wir so schlicht hätten helfen können.

Wie schon angedeutet, bin ich mir unsicher, ob Freifunk in seiner aktuell gängigen Interpretation eine Zukunft hat. Denn auch wenn sich einige der erwähnten Probleme lösen lassen würden, beständen andere, grundlegende, weiter. Es ist vielschichtiger und unter anderem damit verbunden, dass Freifunk für die meisten Menschen heute keinen sichtbaren Mehrwert mehr bietet.

Das Volumen in Mobilfunktarifen wird immer mehr und bezahlbarer, an vielen Orten finden sich kommerzielle WLAN Angebote und das werden in Zukunft mit der defakto Abschaffung der Störerhaftung auch nicht weniger. Das die AGB meist problematisch und solche Netze aus unser Sicht nicht wirklich toll sind ist unsere Perspektive. Das ist jedoch für die meisten Menschen erst mal egal, denn das primäre Bedürfnis ist in dem Moment eine funktionierende Internetverbindung zu haben.

Was wir nun in dieser Situation aber fordern, ist eine politische Perspektive, die weit jenseits des akuten Problems liegt und mindestens ebenso weit abseits der Lebensrealität, als das es eine breite Masse an Menschen interessieren würde. Die Vorteile und die Bedeutung eigener Infrastruktur sind in dieser Situation einfach zu abstrakt.

Dazu kommt, dass es inzwischen wirklich fast überall die Möglichkeit breitbandiger Internetzugänge gibt. Die Anbindung von Menschen in nicht ausgebauten Gebieten ist also, im Gegensatz zu den Anfängen von Freifunk, kaum noch ein Faktor. Somit bleiben nur noch wenige Fälle übrig. Menschen die Umziehen und noch keinen Anschluss haben zum Beispiel. Aber auch hier löst häufig der Mobilfunk das Problem. Selbst in sozialen Brennpunkten ist es vermutlich relativ uninteressant. Die Menschen haben dort primär andere Probleme als ein freies Netz und ein Internetzugang zählt inzwischen als Grundversorgung.

Ich will damit nicht sagen, dass die Arbeit die wir mit Freifunk auch politisch leisten nicht wichtig und dringend notwendig ist. Ich möchte nur zu bedenken geben, dass es kein Problem ist, dass aktuell eine breite Öffentlichkeit findet.

Was damit häufig bleib ist, dass wir ein netter und kostenloser Dienstleister sind. Es ist schön wenn wir da sind, aber es interessiert niemanden. Niemand unterscheidet zwischen Freifunk oder einem der anderen Betreiber, solange es funktioniert. Es ist nicht das was die Menschen aktuell bewegt und hat einfach da zu sein und zu funktionieren, wie der Strom aus der Steckdose.

Vielleicht muss sich Freifunk daher verändern oder anders interpretiert werden. Ein Mitmachnetz für technisch Interessierte ist cool, keine Frage. Das kann man auch weitestgehend so weiterbetreiben wie das aktuelle Netz, allerdings in einem kleineren Rahmen. Für die primäre Arbeit eignet es sich jedoch nicht, insbesondere nicht, um wirklich etwas zu bewegen.

Eine Verkleinerung auf dieser Ebene würde allerdings viele Vorteile bringen, da sie sowohl weniger Ressourcen und vor allem weniger Support und Aufwand im Betrieb bedeutet. Wie schon gesagt, die Technik ist nicht wirklich für dieses Ausmaß und die Installationen die wir zum Teil damit bauen geeignet. Gleichzeitig bliebe aber der Spaß am Gerät erhalten und ein paar Geräte bei Freunden, sind da auch kein Problem.

Das ist aber nicht die einzige Veränderung die mir in den Sinn kommt. Im Gegensatz zu unserem aktuellen, sehr breit angelegten, Versuch, könnten wir versuchen zielgerichteter zu agieren. Dazu könnten wir uns tatsächlich als eine Art Dienstleister betrachten, eben ein sozialer Dienstleister auf eherenamtlicher Basis. Irgendwie kommt mir da das VOC des CCC in den Sinn, dass auf vielen Veranstaltungen unterwegs ist und echt coole Arbeit leistet, aber wenn mal keine Ressourcen frei sind, ist das halt einfach so (Von außen betrachtet :P).

Worum es mir geht, ist die soziale Vernetzung durch Netze in den Vordergrund zu stellen. Unser Know-how liegt in der Technik und wir können echt gute Netze bauen, wenn die Grundlage dafür passt. Warum das nicht nutzen und so Netze für soziale Einrichtungen oder Veranstaltungen bauen, die das sonst nicht könnten. Für Hackerspaces, für kurzfristige aber coole Veranstaltungen wie die DjangoCon in Heidelberg nächstes Jahr, für Bürgercaffees, linke Räume oder eben Geflüchtetenunterkünfte. Alles was eben auch sozial, aber im Kern nicht gewinnorientiert ist.

Das alles könnten wir dann mit ordentlicher Hardware, ohne Mesh, mit dedizierten Netzen und VPN Verbindungen aufbauen, ohne den Ärger, den wir heute meist haben. Gleichzeitig nimmt es uns etwas den Druck, wir haben weniger anfällige Installationen und es ist auch einfacher mal “Nein” zu sagen, wenn etwas nicht passt oder gerade keine Ressourcen frei sind, denn solche Installationen lassen sich meist auch von den Einrichtungen selbst am Laufen halten. Es ist so einfacher das zu machen, was den beteiligten Menschen Spaß macht, um dann eher projektbezogen neue Menschen zu begeistern uns zu unterstützen.

Dabei geht es nicht darum nur ein Netz zu bauen, viel mehr geht es darum die verschiedenen Menschen und Projekte zu vernetzen und zu unterstützen. Aktuell ist das Problem leider, dass viele Menschen an verschiedenen Projekten arbeiten ohne sich zu kennen, obwohl sie sehr ähnliche Ziele verfolgen und sich gut ergänzen würden. Wir müssen es hier einfach schaffen, dass eine Vernetzung auf vielen verschiedenen Ebenen erfolgt und die Ebene auf der wir dazu beitragen können ist das Netzwerk und die Technologie. (Eine Diskussion dazu.)

Entscheidend ist aber auch, die Zahl der Menschen, die es für das Grundlegenste braucht, kann gering bleiben. Es reicht im Zweifel ein Kern aus wenigen Menschen, um alles am Laufen zu halten und das ist meiner Erfahrung nach das, was für solche Projekte zählt, denn es gibt immer Phasen, in denen es auch so gut laufen muss.

Praktisch ist, die meisten Satzungen von vorhanden Vereinen dürften das weiterhin erlauben, aber die Gemeinnützigkeit wäre eben nur noch ein nettes Extra, da sich der Betrieb und die Installationen anders finanzieren lassen würden. Installationen könnten projektbezogen immer unterschiedlich durch die Einrichtungen oder Projekte selbst finanziert werden, denen im Anschluss dafür auch die Installation gehört. Gleichzeitig könnte man einen Betrag, zum Beispiel über eine Mitgliedschaft, festlegen, der die übrigen notwendigen Kosten trägt oder Projekte finanziert, die keine eigene Finanzierungsmöglichkeit besitzen.

Gleichzeitig könnte man dann die jeweilige Situation deutlich besser als heute nutzen, um politische Aspekte oder die Bildung zu verschiedenen Themen voranzutreiben.

Das alles ist meine Perspektive. Ob das dann noch unter Freifunk laufen sollte oder vielleicht einen ganz neuen Namen braucht, lasse ich hier mal offen. Wie gesagt, es gibt viel Spielraum für Interpretationen.