Die Enttabuisierung des Fehlermachens

Es ist ein Thema das niemand gerne anspricht. Es ist ein Thema, das alle ständig betrifft, dass aber viel zu kurz kommt. Das machen von Fehlern.

Fehler machen. Da kommen unangenehme Gefühle hoch. Auch bei mir. Fehler machen fühlt sich nicht gut an. Mal fühlt es sich wie ein Versagen an. Ein anderes Mal wie Unverständnis. Die negativen Gefühle, die sich beim Fehler machen zeigen sind so unterschiedlich wie die Fehler selbst.

Aber sind diese negativen Gefühle gerechtfertigt? Manchmal ja, wenn unsere Fehler drastische Folgen für andere oder auch uns selbst haben. Bei den meisten Fehlern aber sind die Folgen uberschaubar. Genau wie der Rechtschreibfehler im letten Satz. Der Fehler tut niemandem weh. Er verändert nicht mal den Sinn der Aussage. Trotzdem ist es unangenehm, wenn man darauf hingewiesen wird. Wie unsinnig! Allgemein scheint die Rechtschreibung aber ein Thema zu sein, dass viele Menschen sehr beschäftigt. Es gibt sogar Menschen, die mir nach dem ich einen Blogpost geschrieben habe sagen, dass da Fehler in meinem Text sind (ironischerweise aber nicht welche). Gut möglich, ich halte es da nicht so eng.

Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andre ihn begehen. (Georg Christoph Lichtenberg)

Der Rechtschreibfehler ist aber ein guter Aufhänger, denn er ist ein Fehler, der uns unser ganzes Leben lang verfolgt und den wir immer wieder begehen. Auch zeigt er sehr schön unser antrainiertes Problem mit Fehlern. Fehler werden vom Kindesalter an als etwas Schlechtes vermittelt. Das fängt beim Sandkuchen essen im Kindergarten an und geht in der Schule weiter. Das Bildungssystem ist bei dieser Problematik eh sehr wichtig. Denn was lernen wir in der Schule? Wir lernen, dass Fehler machen schlecht ist. Wir bekommen von den Lehrern und den Mitschülern Häme, wenn etwas nicht funktioniert. Wenn wir Fehler machen, bekommen wir schlechte Noten. Je nach Elternhaus, ich hatte da Glück, wird man dafür dann aufgemuntert oder bekommt Ärger. Am Ende kann ein Fehler in der Schule sogar über die Noten unseren gesamten Lebenslauf prägen. Kein Wunder also, dass wir, auch wenn wir älter werden, noch immer nervös werden, wenn wir Fehler machen.

Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst früh zu begehen. (Winston Churchill)

Diese negative Grundhaltung unserer Gesellschaft zum Fehler machen, sich vielleicht auch bei ein paar Menschen unbeliebt zu machen, für dazu, dass wir uns häufig selbst zensieren. Unsere Meinung nicht sagen, weil es vielleicht von anderen als Fehler oder Angriff gesehen wird.
Es für dazu, dass wir sauer werden, wenn uns jemand anderes auf einen Fehler hinweist. Es fühlt sich wie ein Angriff an. Noch schlimmer wird es, wenn dies in der Öffentlichkeit geschieht. Denn dann können alle über uns richten.

Da ist es wieder, das Da­mo­k­les­schwert, das über uns schwebt. Unberechtigt eigentlich, aber doch ist es da, denn niemand weiß welche Folgen unser Handeln von heute Morgen haben wird.
Doch ist das gerecht? Wird es dem Fehler gerecht? Mitnichten! Denn wie auch die Natur in der Evolution es macht, findet man die Lösungen meistens in den Fehlern, die man macht.

Ein Genie macht keine Fehler. Seine Irrtümer sind Tore zu neuen Entdeckungen. (James Joyce)

Aber drehen wir es zur Betrachtung mal um. Wie viel besser wäre es, wenn wir Fehler als Chance verstehen würden und nicht als etwas das man nicht machen darf. Wenn wir Fehler als eine, wenn nicht sogar die beste Variante des Lernens erkennen würden. Wenn wir Kritik an unserem Handeln als Ratschlag für die Zukunft und nicht als Angriff auffassen würden. Wenn wir jemand den wir nicht kennen, weniger nach seinen Fehler und viel mehr nach seinen Stärken einschätzen würden.

Die Hacker Szene in ein Thema zu bringen ist immer schwer. Wie überall gibt es auch hier zwei Seiten der Medaille. Aber es ist für mich zu beobachten, dass das Fehlermachen hier nicht als Problem, sondern viel mehr als Technik für das zerforschen und lernen genutzt wird. Das berühmte Trial and Error Spiel. Versuch und Fehler, nur so versteht man die Welt. Viele der größten Erfindungen wie zum Beispiel das Penicillin sind auf einen Fehler bei der Arbeit zurückzuführen.

Es mag für Menschen, die noch keinen tiefen Kontakt mit diesen Einstellung und dieser Umgangsformen hatten verstörend wirken. Häufig wird sehr direkt, manchmal sehr sachlich und wieder manchmal sehr emotional diskutiert. Es kommt auf das Thema an. Trotz dessen, dass es wie ein Angriff wirken mag, ist es eigentlich nur eine Diskussion, in der es letztlich um das Lernen, Verstehen und vor allem um das Verbessern geht.
Ja, manchmal auch in dem man jemand anderem eine steile These vor die Füße wirft.

Dabei ist es wichtig die Kritik in dieser extrem offenen Form nicht als persönlichen Angriff zu sehen, sondern als Mittel um Probleme direkt zu vermitteln. Ohne darauf achten zu müssen, wie ich diese meinem Gegenüber schonend beibringe. Letztlich verliert durch die Kritik niemand sein Gesicht, denn entweder hat man wirklich etwas falsch oder nicht optimal getan, dann hat man selbst etwas gelernt oder das Gegenüber liegt falsch, dann hat dieses etwas gelernt. Das funktioniert, aber leider nur, wenn man es mit dem Zuckerguss über den Aussagen nicht übertreibt.

Jeder Mensch macht Fehler. Das Kunststück liegt darin, sie dann zu machen, wenn keiner zuschaut. (Peter Ustinov)

Letztlich ist unser aktueller Umgang mit Fehlern ein Problem, dass dazu führt, dass niemand wirklich gerne sagt, was er meint oder glaubt. Das jeder versucht die eigenen Fehler zu verstecken, niemanden davon erfahren zu lassen und sie bei anderen zu finden. Dabei ist das unser größter Fehler. Eben die Tatsache, dass wir nicht offen mit den Fehlern umgehen, die wir und andere machen, auch damit nicht nur wir, sondern auch andere aus der Situation lernen können.

Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen. (Dietrich Bonhoeffer)


Letztendlich möchte ich hier auch nochmal einen Text in gänze zitieren, denn Florian für das Freifunk Rhein-Neckar Projekt geschrieben hat.

Kennst du den Dunning-Krueger-Effekt? Er besagt, dass Inkompetenz und Selbstüberschätzung zusammenhängen: Wenn du keine Ahnung hast, was du tust, hast du auch keine Ahnung, was alles schiefgehen kann. Dadurch bist du viel selbstsicherer.

Kennst du das Hochstapler-Syndrom? Für mich ist es ein umgekehrter Dunning-Krueger-Effekt: Wer darunter leidet, der erkennt eigene Leistungen und Fähigkeiten nicht an und hält sich für Inkompetent. Du denkst, dass du eigentlich keine Ahnung hast, von dem, was du tust und du deine Ziele nur durch Glück oder Zufall erreicht hast. Auf deinem Weg hast du so viele Fehlschläge gemacht, dass du nicht mehr zu würdigen weißt, was du eigentlich alles gelernt hast. Dadurch bist du viel unsicherer.

Mir geht es heute um letzteres. Wir beschreiben Freifunk als ein »freies, von Bürgern verwaltetes Funknetz« und das »frei« ist dabei essenziell: Das Netz ist frei, kostenlos in der Nutzung, frei von Zensur und Überwachung. Die eingesetzte Software ist frei, jeder kann sie einfach herunterladen. Man muss nicht dafür zahlen. Es geht sogar noch einen Schritt weiter: Man kann sogar unter die Motorhaube schauen und kucken, wie sie funktioniert! Aber Freifunk ist nicht eine Software, die man auf einen Router installiert und den irgendwo hinstellt, es ist eine Idee. Die Software ist nicht vom Himmel gefallen, sie wurde geschrieben. Damit das möglich war, hat jemand mal OpenWRT entwickelt, eine Art Linux-Betriebssystem für Router. Auch das ist nicht vom Himmel gefallen, damit OpenWRT möglich wurde, hat jemand mal Linux geschrieben. Und auch das ist nicht vom Himmel gefallen, immerhin heißt es korrekt GNU/Linux und die Ursprünge von GNU reichen zurück bis ins Jahr 1983.

Es ist unmöglich zu sagen, wieviele Stunden Arbeit in unseren Firmwares, Gluon, OpenWRT, Linux und GNU wirklich stecken. Alleine im Linux-Kernel, dem Betriebssystemkern, steckten vor 3 Jahren wohl schon 73.000 Personenjahre an Arbeit, damals hatte er ~15 Millionen Zeilen Quellcode, heute sind es schon 20 Millionen Zeilen Quellcode.

Noch unmöglicher ist es zu sagen, wieviele korrigierte Zeilen Code es für jede "fertige" Zeile gibt. Wie oft wurden Fehler behoben? Wieviele Fehler wurden noch gar nicht entdeckt? Fehler sind normal und es geht primär nicht darum sie zu vermeiden, sondern darum, einen korrekten Umgang mit ihnen zu finden. Das gilt sowohl für die Technik als auch für alles darum herum.

Für Freifunk heißt das: Wir müssen in unserer Community eine Kultur pflegen, in der wir keine Angst vor Fehlern haben und Menschen ermutigen Fehler zu machen. Nur aus gemachten Fehlern kann man lernen, nicht aus nicht-gemachten Fehlern. Dafür ist es unerlässlich, dass man sich auch traut Fehler zu machen. Die Technik erlaubt es uns mit Fallnetzen zu arbeiten: Dank Versionierung, kollaborativen Tools und asynchronen Kommunikationswegen gibt es kein »falsch«, weil man praktisch nichts kaputtmachen kann. Nichts ist unwiederbringlich verloren, wenn man den falschen Knopf drückt, kein Kernkraftwerk fliegt deshalb in die Luft, keine Menschen müssen deshalb sterben.

Ich möchte euch alle ermutern: Macht Fehler! Hier und überall sonst. Wir sind auf eure Fehler angewiesen, nur wenn ein Fehler gemacht wurde kann man ihn erkennen und korrigieren. Wir als Community müssen dafür sorgen, dass Menschen sich bei uns wohlfühlen, gerne Fehler machen und sich freuen, wenn sie die Fehler von jemand anderem beheben können oder ihre Fehler behoben werden. Code ist nie fertig, er ist immer voller Fehler. Anleitungen und Texte auch. Bilder, Grafiken, Videos auch. Nichts ist jemals fertig, sondern nur eine Momentaufnahme von den Fehlern, die aktuell am besten funktionieren. Dein vor zehn Jahren geschriebener Code, auf den du so stolz warst, weil er fehlerfrei und schön war? Aus heutiger Sicht ist er ein einziger, riesiger Fehler, den man dringend mal neu schreiben müsste. Aber: Er ist da. Du hast ihn mal geschrieben, er hat mal funktioniert. Auch wenn er das heute vielleicht nicht mehr tut: Er ist da, du hast etwas erschaffen. Und vielleicht hat jemand etwas daraus gelernt oder dieser Code hat jemandem Arbeit abgenommen. Gleiches gilt für einen Text, ein Bild, ein Gespräch, eine Idee. Man muss sie machen, produzieren, rauslassen, damit sie funktioniert und fruchtet und Dinge in Gang setzt, die größer, besser sind als sie selbst.

Aktuell haben wir eine handvoll aktive Leute und ich bin um jeden dieser Leute, ihrer Handgriffe und gemachte Fehler froh. Letzte Woche hatten wir 22 Leute auf unserem Treffen und es hat mich umgehauen und froh gemacht, dass sich so viele Leute die Mühe gemacht und die Zeit genommen haben vorbeizukommen. Unsere Community hat über 500 registrierte Freifunk-Router, von denen über 300 online sind und dauerhaft mehrere hundert Personen mit freiem Netz versorgen. Unser Ziel ist es freies Netz zu jedem zu bringen, und als erstes zu denen, die es am dringendsten brauchen4.

Um dieses Ziel zu erreichen möchte ich jede und jeden von euch Einladen und bitten mit uns zusammen Fehler zu machen! Es gibt sehr viel zu tun und es ist einfacher für alle, wenn wir die Arbeit auf mehr Schultern verteilen. Wenn du denkst, du kannst nichts beitragen: Unsinn, du Hochstapler10! Wir brauchen Leute, die Texte schreiben. Flyer verteilen. Ideen haben. Leute ansprechen. Router verteilen. Freifunk erklärn. Kontakte herstellen. Sich einen eigenen Router flashen, dabei viele Fehler machen weil sie noch nie sowas getan haben, ihn aufstellen und dann die beste Anleitung schreiben, wie man einen Router flashed. Weil sie genau wissen, wie man es Leuten erklärt, die keine Ahnung haben. Weil sie eben selbst so jemand waren.

Wenn du gerne helfen würdest, aber immer noch nicht weißt wie: meld dich! Wir brauchen dich!

Abschließen möchte ich diesen sehr zitatlastigen Post mit folgendem Zitat.

Verfallen wir nicht in den Fehler, bei jedem Andersmeinenden entweder an seinem Verstand oder an seinem guten Willen zu zweifeln. (Otto von Bismarck)